«IM ABSOLUTEN SINNE NACHHALTIG IST NUR, WENN DIE MENSCHHEIT VOM ERDBODEN
VERSCHWINDET», MEINT CLAUDIA NIELSEN,
VERWALTUNGSRATSPRÄSIDENTIN DER ALTERNATIVEN BANK ABS. DIE
MENSCHHEIT WIRD WAHRSCHEINLICH NOCH
EINE WEILE AUF DEM ERDBODEN BLEIBEN, DESHALB FINANZIERT DIE ABS SEIT
ENDE DER 80ER JAHRE ANSTÄNDIGE UNTERNEHMEN.
C. NIELSEN ERKLÄRT UNS, WIE SIE NACHHALTIGKEIT VERSTEHT UND WAS
DAS BANKGESCHÄFT DER ABS DAMIT ZU TUN HAT.

Nachhaltig ist, wenn es nachhaltig ist. So kommt es mir manchmal vor, wenn ich
das Wort lese. Es klingt gut, aber man weiss nicht wirklich, was es
bedeutet. Bei fast jeder Bank ziert es einen Fonds, einen Bericht
oder eine Initiative. Dennoch ist Wirtschaften, das überprüf-
und nachvollziehbar nachhaltig ist und mit dem etwas gemein hat, was
wir uns landläufig unter nachhaltig vorstellen, eine rare Sache.
Die Erklärung, was Aktien einer Ölfirma oder eines
Autoherstellers in einem Ökofonds suchen, ist eine entsprechend
knifflige didaktische Angelegenheit. Die Alternative Bank ABS nahm
ihren Betrieb auf, bevor das Wort «nachhaltig» Furore
machte. Eine Vielzahl von Aktionärinnen und Aktionären –
Privatpersonen wie kirchliche, Umwelt-, Entwicklungs- und politische
Organisationen – schuf 1990 diese Möglichkeit, Geld auf
«anständige» Art arbeiten zu lassen. Heute nennt man
die Geschäftsphilosophie nachhaltig. Früher wäre das
Wort «anständig» dem Nachhaltigkeitsbegriff nahe
gekommen: nicht über unsere Verhältnisse leben, die Chancen
und Selbstbestimmungsbedürfnisse anderer (Generationen,
Weltgegenden, Bevölkerungsgruppen) berücksichtigen,
Schwächere stützen. Ein Unternehmen soll genug Gewinn für
langfristigen Bestand erarbeiten, aber nicht auf Kosten anderer.
Heute erzielen bei der ABS über 4000 AktionärInnen und 20
000 KundInnen eine Rendite, die sich auch in Sinn – Nachhaltigkeit
– niederschlägt. Die AktionärInnen legen mit dem
Eigenkapital die Grundlage; die KundInnen finanzieren mit ihrem
Spargeld an die 700 Projekte in der Schweiz mit. Die ABS prüft
die Kredite doppelt, betriebswirtschaftlich und ethisch. Das
Betriebswirtschaftliche entspringt solidem Bankhandwerk, fürs
Ethische hat die ABS Kriterien entwickelt. Wer gegen die Ne –
gativ-Kriterien verstösst, erhält keinen Kredit, wer
Positivkriterien erfüllt, erhält günstigere
Konditionen.

Damit die KundInnen wissen, was mit ihrem Geld geschieht, veröffentlicht
die ABS die ausbezahlten Kredite. Wer an Nachhaltigkeit denkt, sucht
auf der Liste vermutlich zuerst nach Bio-Betrieben oder der
Produktion alternativer Energie und wird fündig. In dieser guten
Gesellschaft findet sich ein breites Spektrum an Möglichkeiten,
Nachhaltigkeit konkret umzusetzen. Drei Zürcher Beispiele
illustrieren hier die Vielfalt:

Turbinebräu begann nach dem Kollaps des
Schweizer Bierkartells, mit einem ABS-Kredit zu brauen. Als
regionales Bier gewährleistet es kurze Wege, schafft
Identifikation mit dem eigenen Lebensraum und hat zahlreichen
NachahmerInnen Mut gemacht. Der überschaubare Betrieb setzt auf
selbstbestimmtes Arbeiten, langfristige Kundenbeziehungen durch
Vernetzung bei minimalem Marketingaufwand.So reiht es
sich in die Schöpfung realer Werte ein. Der Kredit beträgt heute 500
000 Franken.
www.turbinenbraeu.ch

EQuality verfügt seit seiner Gründung
über einen Kredit von 50 000 Franken. Die Agentur fördert
Gleichstellung in Organisationen und Unternehmen; denn
Selbstbestimmung von Männern auf Kosten der Selbstbestimmung von
Frauen ist nicht nachhaltig.
www.gendermainstreaming.com

Kraftwerk1 bietet 350 Menschen Wohn- und 150
Menschen Arbeitsraum. Die Siedlung zeigt modellhaft auf, wie sich
raffinierte Architektur, gemeinsame Infrastruktur,
flexible Nutzung und ökologische Bauweise verbinden lassen.
Kraftwerk1 begann in Zürich-West zu bauen, als die Gegend
unwirtliche Industriebrache war. Heute strotzt die Siedlung vor
Leben. Die ABS steuert einen Kredit von 4,15 Millionen bei.
www.kraftwerk1.ch

Unbequemerweise lässt sich Nachhaltigkeit schlecht in zwei, drei einfache
Begriffe fassen. Aus der Notwendigkeit einer gesamtheitlichen,
systematischen Betrachtung
heraus hat die ABS ein Rating entwickelt, das aufgrund von fünfzig
Kriterien – Betriebsenergie, Bauökologie, Standortqualität,
Nutzungsqualität, Ökonomie – die Nachhaltigkeit von
Neubauten beurteilt und einteilt. Entsprechend der Einteilung kommt
die Kundschaft in den Genuss der ABS-Hypothek, die ausserordentliche
Nachhaltigkeit mit dauerhaft bis zu 0,625 günstigerem Zins
honoriert. So kombinieren sich mittel- bis langfristig für die
Kundschaft Nachhaltigkeit und Kostenbewusstsein ebenso vorteilhaft
wie für die Bank. Traumrenditen erzielen wir dabei keine, aber
wir wirtschaften gut.


Claudia Nielsen ist
Verwaltungsratspräsidentin der Alternativen Bank ABS und
selbständige Ökonomin. Sie hat mit einer umwelt-
und mikroökonomischen Dissertation an der Universität
Zürich promoviert.