ALS CHEFREDAKTEUR DES ANLEGERMAGAZINS STOCKS KENNT ER DIE SCHWEIZER
WIRTSCHAFTSMEDIEN WIE SEINE WESTENTASCHE: RETO LIPP SPRACH MIT DEM
STUDIO!SUS ÜBER DEN DRUCK, DEN ES BRAUCHT, DAMIT WIR NACHHALTIG
HANDELN UND ÜBER DEN DURCHHALTEWILLEN DER ANLEGER.

STUDIO!SUS: Was ist Nachhaltigkeit,
Herr Lipp?

Reto Lipp: Nachhaltigkeit ist für mich der schonende und auch
langfristige Umgang mit Ressourcen: Also mit natürlichen
Ressourcen, aber auch mit Menschen und Kapital.

STUDIO!SUS: Was halten Sie als Kenner
der Anlegerperspektive von nachhaltigen Fonds?

Das Problem an nachhaltigem Anlegen ist nicht das Konzept, sondern die
Umsetzung. Es gibt zwei Ansätze: erstens, man investiert nicht
in gewisse Branchen (etwa Ölfirmen oder Pornoindustrie) oder
zweitens, man kauft aus jeder Branche Aktien der nachhaltigsten
Firmen. Diesen Ansatz verfolgt etwa SAM (Sustainable Asset
Management). Sinnvoll ist wahrscheinlich eine Kombination von beiden.
Das Problem an nachhaltigen Fonds ist, dass sie alle drei Monate auf
ihre Performance getestet werden- wenn sie die Leistung nicht
bringen, springen die Leute ab. Durch diesen Performancedruck nähern
sich nachhaltige Fonds den konventionellen immer mehr an. Sie machen
daher auch die Schwankungen des Marktes ähnlich wie
konventionelle Fonds mit – entgegen der Hoffnung vieler
AnlegerInnen, die denken, dass Nachhaltigkeit die Schwankungen besser
auffängt. Immerhin zeigt sich auch, dass nachhaltiges Anlegen
heute keine finanziellen Nachteile mehr mit sich bringt.

STUDIO!SUS: Sollten Pensionskassen
nachhaltig anlegen? Tun sie es?

Von ihrer Perspektive her wären sie prädestiniert, sich
vermehrt zu engagieren. Pensionskassen haben Macht, nutzen diese aber
oft nicht, weil sie nach eigenen Angaben kein Mandat dafür
haben. Durch die Befragung ihrer Mitglieder könnten sie es sich
aber geben lassen. In letzter Zeit hatten die Pensionskassen ein
grosses Problem mit Unterdeckung, so dass im Moment die Priorität
eher auf (kurzfristig) hohen Renditen als auf nachhaltigen Anlagen
liegt.

STUDIO!SUS: Was bringt es den Firmen,
wenn sie in Nachhaltigkeit investieren?

Durch die Berücksichtigung von nachhaltigen Kriterien können
Firmen gewisse Risiken, etwa Reputationsrisiken, vermindern.
Investitionen in die Nachhaltigkeit kosten kurzfristig viel, zahlen
sich aber meist erst langfristig aus. Es braucht daher viel
Durchhaltewillen, wenn man in Nachhaltigkeit investiert.

STUDIO!SUS: Wie sieht es in der Zukunft
aus? Bleibt Nachhaltigkeit ein Thema?

Ein Fondsmanager hat mal gesagt, dass Nachhaltigkeit ein Luxusthema sei.
Wenn es der Wirtschaft gut geht, kümmert man sich darum, wenn es
schlecht läuft, hält man wahrscheinlich nicht daran fest.
Das hat schon was. Im Moment ist der Druck für
nachhaltiges Verhalten nicht besonders gross.


Reto Lipp ist Finanzjournalist. Er
arbeitet als Chefredaktor für das Wirtschaftsmagazin Stocks.