GROSSE FINANZINSTITUTE KÜMMERN SICH UM GROSSE KUNDEN. UM
DIE ARMEN DES SÜDENS KÜMMERT SICH DIE STAATLICHE ENTWICKLUNGSHILFE,
WENN ÜBERHAUPT. DASS ABER AUCH DER PRIVATSEKTOR
IN DER LAGE WÄRE, SICH UM DIE ANLIEGEN DER
KLEINSTUNTERNEHMERINNEN IN ENTWICKLUNGSLÄNDERN ZU
KÜMMERN, ZEIGT REGULA RITTER IN IHREM ARTIKEL.

Zürcher Börse SWX, 18. November 2004, 10 Uhr. Die Fischerin Lize Nhaca
aus Moçambique läutet gemeinsam mit Pierin Vincenz,
Vorsitzender der Geschäftsleitung der Raiffeisen-Gruppe, das
internationale UNO-Jahr des Mikrokredites 2005 ein. Ein PR-Gag der
Raiffeisen? Was kümmern sich Schweizer Banken um eine Fischerin
aus Moçambique?

Die Raiffeisen-Gruppe hat 2003 gemeinsam mit der Privatbank Baumann &
Cie, der Credit Suisse, der Alternativen Bank ABS und dem
holländischen Venture Capital Fonds Andromeda die Social
Investment-Plattform responsAbility gegründet. Der Auftrag
lautete, Anlagemöglichkeiten für private und
institutionelle Investoren zu entwickeln, welche neben einer
finanziellen Rendite auch einen sozialen Nutzen erzielen sollen. Die
Banken möchten damit ein Kundenbedürfnis bedienen. respons-
Ability verwaltet heute rund 10 Millionen Schweizer Franken. Das Geld
wird in lokale Institutionen in Entwicklungsländern investiert,
die Sparmöglichkeiten und Kredite anbieten. Es handelt sich um
sogenannte Microfinance-Institutionen. Kunden sind
MikrounternehmerInnen, wie z.B. Lize Nhaca.

In der Nähe von Maputo, der Hauptstadt Moçambiques, verkauft
Lize Fische und Meeresfrüchte direkt am Strand. Ein Mikrokredit
von umgerechnet rund 350 Schweizer Franken hat ihr nach einer langen
Krankheit ermöglicht, die kaputten Fischernetze zu erneuern und
die Geschäftstätigkeit wieder aufzunehmen. Lize arbeitet
hart. Sie zahlt den Kredit samt Zinsen rechtzeitig zurück. Heute
beschäftigt die 32-jährige Mutter von fünf Kindern und
doppelte Witwe vier Fischer und besitzt zwei Fischerboote. Mit ihrem
Einkommen ernährt sie 17 Familienmitglieder. Lize hat
Zukunftspläne: Ein Haus aus Lehmziegel bauen, einen Motor für
ein Boot anschaffen, um weiter ins Meer hinausfahren zu können,
wo es grössere Fischbestände gibt. Sie möchte auch
einen Kleinbus kaufen, da die öffentlichen
Transportmöglichkeiten nicht ausreichen, um rechtzeitig frische
Ware am Markt in Maputo anbieten zu können. In
Entwicklungsländern gibt es weltweit über 500 Millionen
MikrounternehmerInnen wie Lize1.
Sie bilden das Rückgrat der lokalen Wirtschaft. Allerdings ist
MikrounternehmerInnen in Entwicklungsländern der Zugang zu
Finanzdienstleistun – gen in der Regel verwehrt. Weniger als zehn
Prozent können heute davon profitieren. Aufgrund ihrer Armut
fehlen ihnen herkömmliche Sicherheiten. Den lokalen
Geschäftsbanken ist der administrative Aufwand für die
meist kleinen Beträge zu hoch. Die Alternative sind oft
informelle Geldverleiher, die nicht selten Zinsen von mehreren zehn
Prozent pro Woche verlangen. In den 70er-Jahren wurden von der
Grameen-Bank in Bangladesh Banking-Methoden entwickelt, die auf die
Bedürfnisse von MikrounternehmerInnen zugeschnitten sind.
Zusammengefasst unter dem Begriff Microfinance bieten lokale
Institutionen Mikrokredite im Gegenwert von unter 100 bis wenigen
1000 Franken an. Eine wichtige Microfinance-Methode ist die Bildung
von Solidaritätsgruppen. Einzelne Personen schliessen sich
zusammen und treten gegenüber der Bank als gemeinsam haftende
Kunden auf. Die Bank kann so ihr Risiko auf mehrere UnternehmerInnen
verteilen und einen Teil der Kontrolle an die Gruppe delegieren.


Regula Ritter-Bosshard ist ausgebildete
Umweltnaturwissenschaftlerin ETH und arbeitet seit über sechs
Jahren als Research
Analyst im Bereich Sustainable Finance.

Microfinance ist von internationalen und staatlichen Entwicklungsorganisationen
als wirkungsvolles Mittel zur Armutsbekämpfung erkannt worden.
Die Nachfrage nach Krediten wird weltweit auf über 50 Milliarden
Schweizer Franken geschätzt 2. Wachstumsraten von 30 bis 100 Prozent pro Jahr sind bei gut
geführten Microfinance- Institutionen nicht selten. Zahlen,
welche die Möglichkeiten von Entwicklungs- und Spendengeldern
bei weitem übersteigen. Der private Sektor ist gefragt.
Microfinance kann profitabel betrieben werden. Die Kreditausfallraten
sind äusserst tief. Hier eröffnen sich für kommerziell
denkende Investorinnen Anlagemöglichkeiten. Gleichzeitig wird
ein konkreter sozialer Nutzen erzielt. Die Anbindung an kommerzielle
Finanzströme ist daher nicht nur möglich, sondern auch
sinnvoll. Sie bewirkt, dass mehr Menschen wie Lize Nhaca von
Finanzdienstleistungen profitieren und dank ihrer unternehmerischen
Energie eigenes Einkommen erwirtschaften können. Ein
wesentliches Element, damit Wohlstand global Fuss fassen kann.

1
& 2: Schätzungen der
Consultative Group to Assist the Poor