männer sind anders — frauen auch

WIE VERÄNDERN SICH BEZIEHUNGEN ZWISCHEN DEN GESCH-
LECHTERN DURCH DIE GLOBALISIERUNG? DIESE FRAGE
AUFZUROLLEN, KÖNNTE ANSATZPUNKTE FÜR EINE NACHHALTI-
GERE GLOBALISIERUNG LIEFERN. DER GENDERFORSCHER
WALTER HOLLSTEIN WAGT EINE ANTWORT UND ZEIGT EINE
PERSPEKTIVE AUF.
Walter Hollstein

ein
Der Kontext von Globalisierung und Gender* ist bisher noch wenig bedacht, geschwei-
ge denn sorgfältig untersucht.
Während die Auswirkungen des Globalisierungsprozesses auf den Arbeitsmarkt, die
nationale und internationale Wirtschaft, die Politik oder auch die Kultur schon verwis-
senschaftliches Tagessgespräch sind, trifft das auf den Problemzusammenhang von
Globalisierung und Gender nicht zu. Das liegt einerseits daran, dass das Geschlech-
terthema in den letzten Jahren generell an gesamtgesellschaftlicher Aktualität stark
eingebüsst hat. Andererseits hat es damit zu tun, dass Globalisierungsauswirkungen im
sehr komplexen Bereich von Beziehung und Geschlecht kulturell, ethnisch und national
vielfach gebrochen werden. Das bedeutet, dass globalisierte Gesetzlichkeiten bei diesem
Thema nicht so «einfach» fixiert werden können wie in Politik, Ökonomie oder Kultur.
Für die hoch entwickelten Gesellschaften des postindustriellen Zeitalters lassen
sich neben vielen Abweichungen einige gemeinsame Tendenzen feststellen. Solche
gemeinsamen Tendenzen sind Verallgemeinerungen, die wir je nach Schicht, Milieu,
Ethnizität u.a. gesondert betrachten müssen. Hierzu ein Beispiel: Bei Immigranten
aus dem Balkan und der Türkei tritt familiäre Gewalt viel häufiger auf, als bei den
einheimischen Familien. Aber gleichzeitig – und das erscheint entsprechend unserer
kulturellen Standards paradox– zeigen die Familien dieser Immigranten einen stärke-
ren Zusammenhalt (Familienkohärenz) und die Ehedauer liegt sehr viel höher als bei
der einheimischen Bevölkerung. Das heisst für die therapeutische, sozialpädagogische
oder geschlechterpolitische Praxis, dass die festgestellte Allgemeintendenz jeweils
noch einmal schichtspezifisch und ethnisch im «Einzelfall» überprüft werden muss.

Belegt ist, dass in den letzten Jahren die Zustimmung der Bevölkerung zu Ehe und
Familie gewachsen ist. Im deutschsprachigen Raum geben mindestens 8o% der Be-
fragten an, an den Wert von Familie und Ehe zu glauben, sich beides als Lebensziel
zu wünschen und ohne diesen Status nicht leben zu wollen. Dabei spielen altersspe-
zifische Differenzierungen keine Rolle. Auch Mädchen und Jungen im schulpflichtigen
Alter bekennen sich zu dieser Grundhaltung. Tatsächlich ist die Heiratsneigung von
Frauen und Männern aber signifikant gesunken. Seit den siebziger Jahren des soeben
zu Ende gegangenen Jahrhunderts verzeichnen alle Statistiken einen drastischen
Rückgang der Eheschliessungen. Nicht-eheliche Lebensgemeinschaften haben sich
hingegen seit den siebziger Jahren verzwölffacht, Singlehaushalte verdoppelt. Die
noch bestehenden Ehen und Familien sind vermehrt durch Trennung und Scheidung
bedroht. Familienkontinuität und Ehestabilität haben sich beträchtlich reduziert.
Entgegen aller Ideologien ist die Kleinfamilie die längste Zeit die allgemein ver-
bindliche Lebensform gewesen. Neben der traditionellen Familie etablieren sich
die Stieffamilie (Fortsetzungsehen, Mehr-Elternfamilien, Patchwork-Familie u.a.),
der allein erziehende Elternteil und – neuerdings auch staatlich legitimiert – die
gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft. Vor allem die Familienform des allein-
erziehenden (im Regelfall weiblichen) Elternteils hat sich in den letzten Jahren
dramatisch vermehrt – mit allen Konsequenzen von sozialer Armut und psychischer
Multi-Problematik.
Die seit langem verkündete und grundrechtlich fixierte Gleichstellung von Mann und
Frau ist zwar mittlerweile im öffentlichen Bewusstsein verankert, aber in vielen Be-
reichen der Gesellschaft für beide Geschlechter noch nicht verwirklicht. Es gibt eine
soziale und kulturelle Segregation zwischen den Geschlechtern.


* Gender: Das Englische unterscheidet zwischen dem biologischen
Geschlecht (sex) und dem sozialen Geschlecht (gender). Mit Gen-
der werden gesellschaftlich und kulturell geprägte Rollen, Rechte,
Pflichten, Ressourcen und Interessen von Frauen und Männern
bezeichnet.


chnet.
Abschied nehmen muss man von der inzwischen allerdings einseitigen These, dass
diese Segregation nur zu Lasten der Frauen geht; sie wirkt sich auch zunehmend
zuungunsten des männlichen Geschlechts aus. Der Arbeitsmarkt zeigt die ge-
schlechtsspezifische Tendenz, die Männer im Durchschnitt zu bevorteilen und die
Frauen proportional dazu zu benachteiligen. Nach wie vor gehört Erwerbstätigkeit zur
Normalbiographie des Mannes, aber nicht notwendigerweise auch zu jener der Frau.
Auch eine vertikale Betrachtung der Beschäftigtenzahlen (Berufshierarchie) fällt noch
immer zuungunsten der Frauen aus: Gleich qualifizierte Frauen finden sich erheblich weniger in leitenden Positionen als Männer. Überdies hat sich trotz aller politischen
Bemühungen an der Geschlechtsspezifik des Arbeitsmarkts (traditionelle Männer-
berufe und traditionelle Frauenberufe) wenig geändert. Auch im politischen Bereich
sind Frauen nach wie vor unterprivilegiert. Trotz eines demographischen Überge-
wichts nehmen sie weniger Parlamentssitze, Funktionen und Ämter ein als Männer.
Generell lässt sich formulieren: Je höher die Position in Bezug auf Einkommen,
Prestige, Macht und Weisungsbefugnis, desto seltener sind dort Frauen anzutreffen.
Umgekehrt übernehmen Frauen den Grossteil an Hausarbeit und Kindererziehung –
auch dann, wenn sie – wie der Partner – erwerbstätig sind. Hier haben politische
Bemühungen bisher versagt.
Männer sind in den letzten Jahren zunehmend im Bildungsbereich ins Hintertreffen
geraten. Inzwischen machen Frauen in ihrer Mehrheit die höherwertigen Schulab-
schlüsse, sind in den Gymnasien erfolgreicher und stellen die Mehrheit der Studien-
anfängerinnen. Männer hingegen dominieren bei den Schulversagern, den vorzeitigen
Schulabgängern, den Problemkindern (z.B. Legastheniker) und in den niederwertigen
Schultypen. Von daher wird gewarnt vor einer zunehmenden Proletarisierung einer
grossen Zahl der männlichen Population. Männer sind auch eindeutig im Gesundheits-
bereich unterprivilegiert. Sie dominieren bei den meisten Krankheiten, sterben mehr
als sechs Jahre früher als Frauen, sind in der Präventionsmedizin schlechter versorgt
etc. Bei Indikatoren, die im Geschlechtervergleich bisher kaum berücksichtigt wurden,
wie Lebens- und Berufszufriedenheit, liegen ebenfalls die Frauen signifikant vor den
Männern. Dies dokumentiert auch die bisherige Ignoranz der geschlechterpolitischen
Bemühungen in Bezug auf die männliche Rolle. Geschlechterpolitik ist bisher nahezu
ausschliesslich Frauenpolitik gewesen und geblieben.
Die öffentliche Wahrnehmung ist durch den Einfluss von Frauenbewegung und Femi-
nismus selektiv eingestellt worden. Das schliesst einerseits die Thematisierung weib-
lichen Problemverhaltens aus (z.B. Frauengewalt; Zunahme weiblicher Kriminalität)
und verhindert andererseits die Anerkennung männlicher Benachteiligungen.
Der dialektische Beitrag der Männerfrage zur Frauenfrage ist der offiziellen Politik
bislang verborgen geblieben. Ohne die Problematisierung der Männerfrage ist aber
auch die Frauenfrage auf Dauer nicht zureichend zu lösen. Insofern müsste politisch
auch das männliche Geschlecht und dessen Problematiken in den Blick genommen
werden.


Univ. Prof. Walter Hollstein ist Soziologe am Institut für Ge-
schlechter- und Generationenforschung der Universität Bremen.

2017-03-22T15:03:53+00:00March 22nd, 2017|