mehr kohle für die steine — von den kosten der natur

ZWEI BEGRIFFE MACHEN IN DER POLITISCHEN DISKUSSION
KARRIERE: NACHHALTIGE ENTWICKLUNG UND GLOBALISIERUNG.
BEIDE SIND ABSTRAKT, MEIST BLEIBT DAS BILD DIFFUS. JÜRG
MINSCH WIDERSTEHT DER EINLADUNG ZU UNREFLEKTIERTEN
VERKÜRZUNGEN – ETWA JENER, WONACH GLOBALISIERUNG DIE
ANTITHESE ZU EINER NACHHALTIGEN ENTWICKLUNG SEI.
Jürg Minsch

Nachhaltige Entwicklung ist die permanente Aufforderung an uns Heutige, so zu
leben und zu wirtschaften, dass wir nicht als ernsthaft erkannte Probleme und
Handlungsfolgen fahrlässig den Menschen von morgen oder aus anderen Weltge-
genden aufbürden. Aus einer europäisch-abendländischen Perspektive bedeutet dies
Bekräftigung und Aufforderung zur Weiterentwickung des zivilisatorischen Projekts
«Offene Gesellschaft» (Karl Popper) – Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit – vor
dem Hintergrund der neuen Gefährdungen. Dies ist immer noch abstrakt. Aber es
ergibt sich eine konkretere Perspektive des Weiterdenkens: Das Nachdenken über die
zentralen gesellschaftlichen «Designprinzipien».

Ging es zu Beginn des Projekts «Offene Gesellschaft» um die Suche nach zentralen
«Erfindungen gegen den Machtmissbrauch» (Alois Riklin), wie u.a. Gewaltenteilung,
allgemeines Stimm- und Wahlrecht, Föderalismus, Marktwirtschaft, so geht es heute
zusätzlich um «Erfindungen gegen die Tyrannei der kleinen Entscheidungen» mit
ihren ökologischen, sozialen und ökonomischen Nebenfolgen, die zunehmend Frei-
heit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit gefährden. Es gilt, den Zivilisationsprozess
insgesamt ins Auge zu nehmen und zu analysieren. An dieser Stelle seien drei
Aspekte skizziert: Das heutige Fundament des Wirtschaftens: die Politik der billigen
Naturzufuhr und die Politik der asymmetrischen Handelsförderung. Und die neu dazu
kommende Dynamik: der Eintritt in eine wissensgestützte Ökonomie mit der Globali-
sierung als einem ihrer Wesenselemente.

Unser heutiges Wirtschaften ist auf billiger Natur aufgebaut, auf einer Politik der
billigen Zentralressourcen, der möglichst ungehinderten Naturbeanspruchung. Im
Zentrum stehen billige Energie, billige Rohstoffe, billige Abfall- und Abwasserent-
sorgung, billige Mobilität, unbeschränkte Raumerschliessung und schliesslich billige
technologischen Grossrisiken.
Das Instrumentarium dieser Politiken reicht von der Nichtberücksichtigung nega-
tiver Externalitäten über verschiedene Formen indirekter und direkter Verbilligung
(Steuerbefreiungen und –vergünstigungen, Subventionen, Haftungsbeschränkungen),
über angebotsorientierte Infrastrukturpolitiken bis hin zu diplomatischen und militäri-
schen Interventionen. Ein aktuelles Beispiel für die «friedliche» Subventionsstrategie
sind die Überkapazitäten bei den Fischfangflotten. Die Folgen: Überfischung der eige-
nen Fanggründe und Ausweichen auf neue Fischgründe bei Verdrängung der lokalen
Kleinfischerei (bspw. in den Küstengewässern Afrikas) mit verheerenden ökologischen
und sozialen Konsequenzen. Beispiele für diplomatische und militärische Strategien
liefert die Zentralressource Erdöl: So wurden und werden Regierungen des Mittleren
Ostens umgarnt, später bedroht, immer mit dem Ziel, den Firmen des industrialisier-
ten Nordens Förderkonzessionen in ihren Regionen zu erteilten. Wer kooperiert, wird
gestützt, wer bockt, wird gestürzt, schreibt das NZZ Folio im September 2004. Beunru-
higend, was in diesem Zusammenhang die chinesische Jugendzeitung «Der Standard»
im Oktober 2002 zu berichten hat: Peking wird im Krisenfall gezwungen sein, über
«diplomatische, wirtschaftliche und militärische Massnahmen nachzudenken, um den
Ölnachschub und das Wachstum seiner Wirtschaft zu sichern.» Die Beispiele lassen
sich beinahe beliebig vermehren. Alle tragen zu einer dreifachen (ökologisch, ökono-
misch und sozial/gesellschaftlichen) Destabilisierung bei.
Der zweite, nicht zukunftsfähige Pfeiler unseres Wirtschaftens ist die Politik des
asymmetrischen Welthandels. Es geht um Sicherung und Ausbau des Absatzes unse-
rer Güter auf dem Weltmarkt, die Sicherung globaler Wertschöpfungsketten und der
Investitionen im Ausland. Im Dienste dieser Ziele stehen bspw. Importbeschränkungen
und -zölle, Exportsubventionen und subventionierte Exportrisiko- und Investitionsga-
rantien. Ausserdem: Vorkehrungen zur Sicherstellung des Funktionierens des Welt-
währungssystems. Dies ist die primäre und deklarierte Aufgabe des Internationalen
Währungsfonds (IWF) – und nicht das Wohlergehen eines einzelnen Landes. Argentini-
en wurde fallen gelassen, als klar war, dass seine finanziellen Nöte für die Stabilität
des Weltwährungssystems irrelevant sind. Das Abfedern der Nachteile des asymmet-
rischen Welthandels von der Schwester des IWF von der Weltbank zu fordern, hiesse
diese hoffnungslos zu überfordern. Soviel zum Fundament heutigen Wirtschaftens.
Nun zur neuen Dynamik: zum Eintritt in eine wissensgestützte Ökonomie. Grosse
technische und gesellschaftliche Umwälzungen sind oft schwer zu erkennen. Aber es
scheint, dass wir heute in einer solchen Wendezeit leben. Vielleicht wird sie einmal
als Eintritt in die dritte industrielle Revolution bezeichnet werden. Nach Lester Thurow treiben heute sechs wichtige Techniken die Wirtschaft wieder einmal in eine neue
Richtung: die Nanotechnik, das Computerwesen, die Telekommunikation, künstliche
Materialien, die Robotik und die Biotechnik. Diese Techniken und insbesondere ihr
Zusammenwirken bringen in ihrer Gesamtheit eine wissensgestützte Ökonomie hervor,
die das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben der Menschen systematisch ver-
ändert. Dabei ist wahrscheinlich die Interaktion zwischen diesen sechs technischen
Entwicklungen wichtiger als die Sprünge auf jedem einzelnen Gebiet. Es entstehen
völlig neue Geschäftsmodelle. Bill Gates ist das Symbol dieser Ära. Bisher besass die
reichste Person der Welt natürliche Ressourcen: Land, Gold, Eisenerz, Öl. Bill Gates
hat nichts davon. Er ist zur reichsten Person der Welt geworden, indem er einen
Wissensprozess kontrolliert. Er steht für den Wandel zu einer wissensgestützten
Wirtschaft.
Hier tritt die Globalisierung auf den Plan. Als jener dynamische Prozess, wie wir ihn
heute kennen, gehört sie zum Wesen einer zunehmend wissensbasierten Wirtschaft.
Ausgelöst und weitergetrieben wird sie insbesondere durch die Entwicklungen in der
Telekommunikation und im Computerwesen. Entfesselt wurde sie durch den Zusam-
menbruch des eisernen Vorhanges. Insofern ist die Globalisierung primär eine Wir-
kung und keine Ursache, eine derivative Revolution. Vor diesem Hintergrund lässt sich
folgendes formulieren und zur Diskussion stellen: Eine wissensbasierte Wirtschaft ist
dann nicht zukunftsfähig, wenn sie von den gleichen (unausgesprochenen) Annahmen
ausgeht, wie ihre Vorgängerin: von der Annahme einer unbeschränkt zur Verfügung
stehenden Natur und von der Annahme einer unbeschränkten Frustrationstoleranz und
Leidensfähigkeit der Menschen in den Ländern des Südens.
Möglicherweise verstärkt die Globalisierung in ihrer heutigen Form die ökologischen,
sozialen und ökonomischen Nebenfolgen der ökonomisch-gesellschaftlichen «Design-
mängel». Gleichzeitig aber bringt sie uns diese im industrialisierten Norden wirksam –
weil schmerzlich – zu Bewusstsein. Damit erhöhrt die Globalisierung den (nötigen)
Reformdruck sowohl bei uns in Bezug auf unser eigenes Wirtschaften und unsere
Beziehungen zur Dritten Welt, als auch in der Dritten Welt selbst, um bspw. den dort
unumgänglichen Aufbau des sozialen Kapitals zu ermöglichen.
Konkreter: Erstens wird Reformdruck aufgebaut durch die zunehmenden ökologischen,
sozialen und ökonomischen Probleme «draussen in der Welt», die sich in Migrations-
wünschen und -bewegungen, in zunehmenden Instabilitäten globaler Wertschöpfungs-
ketten und in sozialer und politischer Unrast artikulieren (erhöhtes Störpotential).
Zweitens durch das Erstarken von Globalisierungsgewinnern in der Dritten Welt – z.B.
Indien und China. Diese weltwirtschaftlichen Akteure werden zunehmend Mitsprache
in den zentralen internationalen Gremien der Weltwirtschaft einfordern und durchset-
zen können (erhöhtes Gestaltungspotential).

Allerdings: Auch ein breiterer Konsens für eine sozial und ökonomisch fairere Welt-
wirtschaft könnte (zumindest kurzfristig) weiterhin zu Lasten der Menschen ohne
Gestaltungspotential und – noch! – ohne Störpotential gehen. Das Schrumpfen des
Kreises der Verlierer könnte jedoch auch die Chancen erhöhen, Fairness in der Welt-
wirtschaft für alle zu gewähren. Denn es «kostet» uns zusätzlich kaum was.
Bleibt die Ökologie als Verliererin? Die zunehmende Wissensbasierung der Ökonomie
ist eine Chance. Aber sie realisiert sich nicht von alleine. Gemäss einem Bonmot
ist die Steinzeit nicht deshalb zu Ende gegangen, weil die Steine knapp geworden
wären, sondern weil neue Techniken neue Handlungsmöglichkeiten und überlegene
Problemlösungen geschaffen haben. Allerdings erwähnt das Bonmot nicht, dass der
Steinverbrauch seither nicht zurückgegangen ist, sondern im Gegenteil noch zuge-
nommen hat. Noch nie wurden so viel Steine gebraucht wie heute (Häuser, Infra-
struktur, Bodenversiegelung) – und im übertragenen Sinne Natur. Der blosse Wechsel
der Schlüsseltechnologien reicht nicht. Die Natur muss ihrer Knappheit entsprechend
behandelt werden – z.B. via adäquate Preissignale.
Insgesamt macht Globalisierung m.E. Nachhaltige Entwicklung wahrscheinlicher. Und:
Globalisierung gehört über diese instrumentelle Bedeutung hinaus unmittelbar zum
normativen Kern der Idee Nachhaltige Entwicklung. Denn die Vorzüge der Offenen
Gesellschaft im geschützten industrialisierten Norden geniessen zu wollen, erst noch
zu Lasten der Anderen, wäre die Antithese zur Offenen Gesellschaft.

 


Prof. Jürg Minsch wurde 1953 in Graubünden geboren. Er studier-
te, promovierte und lehrt seit 1978 Ökonomie in St. Gallen. Neben
diversen Lehraufträgen zu ökologischer Ökonomie, Nachhaltiger
Entwicklung an der ETH Zürich, den Universitäten Zürich und St.
Gallen sowie an verschiedenen Fachhochschulen in der Schweiz
hat Herr Minsch eine Vertragsprofessur für Nachhaltige Entwick-
lung an der Universität für Bodenkultur Wien. Er war unter ande-
rem Mitglied im Schweizerischen Rat für Nachhaltige Entwicklung
(1998-2000).

2017-03-22T14:59:58+00:00March 22nd, 2017|