Nachhaltigkeit und Finanzanlagen

«WER GELD ANLEGT, MÖCHTE PROFIT MAXIMIEREN.» NICHT ALLE
ANLEGERINNEN DENKEN SO, EINIGE MÖCHTEN, DASS MIT IHREM GELD
BEISPIELSWEISE DIE UMWELT GESCHÜTZT WIRD. SEIT WANN SPRICHT MAN
(AUCH) VON NACHHALTIGKEIT, WENN ES DARUM GEHT, DAS EIGENE GELD
ANZULEGEN? FRANK-ELMAR LINXWEILER VERANSCHAULICHT DIESE ENTWICKLUNG
ANHAND VON BEISPIELEN UND ERKLÄRT DIE WICHTIGEN BEGRIFFE.

Viele AnlegerInnen möchten ihr Geld nicht einfach nur gewinnbringend
anlegen, sondern sie möchten auch etwas für ihr gutes
Gewissen oder die Umwelt tun. Dies ist kein neues Phänomen:
standen früher religiöse Motive im Vordergrund, erfreut
sich nachhaltiges Anlegen heute auch bei nicht religiös
motivierten Kreisen einer steigenden Popularität. In diesem
Artikel möchte ich einen kleinen geschichtlichen Überblick
über diese Entwicklung geben. Anlegen nach religiösen
Kriterien oder solchen der Nachhaltigkeit bedeutet, sein Geld nicht
nur nach finanziellen Gesichtspunkten anzulegen. Die
Gewinnorientierung wird einer normativen Nebenbedingung unterworfen.
Methodisch werden normative Nebenbedingungen mit Positiv- oder
Negativ- Kriterien umgesetzt: Mit einem Positiv-Kriterium werden
Aktien ausgewählt, welche ein bestimmtes Kriterium erfüllen.
Bei einem Negativ-Kriterium werden alle Aktien, die das Kriterium
erfüllen, gemieden. Mit den ausgewählten Aktien wird ein
Portfolio erstellt. Alle Anlagestile, die mit normativen
Nebenbedingungen arbeiten, werden unter dem Stichwort Socially
Responsible Investment (SRI) zusammengefasst. Was heute unter dem
Etikett nachhaltige Kapitalanlage betrieben wird, steht am
(vorläufigen) Ende einer langen Entwicklung. Deren Geschichte
kann in drei Phasen eingeteilt werden:

Am Anfang stand vor über hundert Jahren das religiös oder
ethisch motivierte Anlegen, welches v.a. in den USA (auch heute noch)
stark verankert ist1.
In diesem Ansatz wird mit Negativ-Kriterien versucht, Aktien zu
meiden, die mit als verwerflich oder sündig geltenden
Aktivitäten verbunden sind. Insbesondere Aktien der Produktion
von Waffen, Tabakwaren, Alkohol oder Pornographie werden als
sogenannte «sin-stocks» gemieden. Das Motiv für
ethisches Anlegen ist der Wunsch, sein Leben und auch seine
Geldanlage nach bestimmten Regeln (z.B. der Bibel) zu führen. Es
spielt bei diesem Anlagekonzept keine Rolle, ob die ausgewählten
Aktien im Vergleich mit anderen über- oder unterdurchschnittlich
abschneiden. Bis heute haben ethische Anlagen auch wirtschafltich
eine gewisse Bedeutung. Als zweite Phase können wir das
ökologisch-orientierte Anlegen der 1970er und 1980er Jahre
indentifizieren. Auslöser war die Diskussion über
fortschreitende Umweltverschmutzung und die Grenzen des Wachstums
(Club of Rome)2.
Wir unterscheiden hier zwischen zwei Gruppen von AnlegerInnen: Die
eine Anlegergruppe führte die Tradition des ethischen Anlegens
weiter, ihr Anlageverhalten wurde bestimmt durch den (normativen)
Wunsch, mit ihrem Geld «etwas» für die Umwelt zu
tun. Mit ihrem Geld sollte sauber gearbeitet und der Umweltschutz
gefördert werden. Eine zweite Gruppe von Anlegern versuchte von
dem Trend zu mehr Umweltschutz profitieren und sah darin ein neues,
wachtumsträchtiges Geschäftsfeld3.
Diese AnlegerInnenkonzentrierten sich darauf, Aktien von Unternehmen
zu identifizieren, die von den Wachstum in diesem Bereich
profitierten. In welche Unternehmen sollte man nun aber investieren,
um schliesslich den eigenen Gewinn zu maximieren? Einerseits wurden
Aktien gemieden, die mit ökologisch schädlichen Aktivitäten
verbunden waren. Andererseits suchte man nach Aktien, die von einem
Trend zu mehr Umweltschutz profitieren konnten. Der Erfolg dieser
Anlagen litt nicht selten darunter, dass nur noch wenige «saubere»
Branchen in Frage kamen (mangelnde Diversifikation); zum anderen
waren die Märkte für viele Produkte noch nicht reif (z.B.
Windenergieanlagen). Ökologisch motivierte AnlegerInnen waren
oft ideologisch motiviert, tiefere Anlageerfolge nahmen sie bewusst
in Kauf. Heute spielen explizit ökologisch orientierte
Anlageprodukte nur eine untergeordnete Rolle, kaum ein jemand ist
bereit, aufgrund einer Ideologie auf den ökonomischen Erfolg
einer Anlage zu verzichten.

Seit den 1990er Jahren entwickelten sich Konzepte für
nachhaltige Finanzanlagen. Schweizer Ansätze spielten dabei eine
führende Rolle. Die Unternehmen werden untersucht, ob sie aus
Sicht der Nachhaltigkeit führend sind oder nicht; sehr oft wird
diese Bewertung innerhalb einer Branche vorgenommen. Die klassische
Finanzanalyse kümmert sich primär um die finanziellen
Kennziffern von Unternehmen und wird bei dieser Bewertung durch eine
Analyse der ökologischen und sozialen Dimension ergänzt.
Bei Unternehmen aus der Elektriziätsbranche wird beispielsweise
in der ökologischen Dimension untersucht: Wie gross ist der
CO2-Ausstoss
pro Kilowattstunde erzeugter elektrischer Energie? In der sozialen
Dimension wird etwa gefragt: Wie geht das Unternehmen mit den
Anwohnern von Fabriken um? Häufig wird heute beim nachhaltigen
Anlegen der best-of-class-Ansatz verfolgt. Für jede Branche
werden die Unternehmen herausgefiltert, die aus Sicht der
Nachhaltigkeit führend sind. Dies Ansatz wird ergänzt durch
weitere absolute oder «knock-out»-Kriterien. So werden
beim Dow Jones Sustainability Index (Research durch SAM, Zürich)
keine Firmen aufgenommen, die nicht mindestens einen Drittel der in
einer Branche erzielbaren Punkte bekommen. Die Bank Sarasin verfolgt
einen anderen Ansatz: Sie meidet für den Fond OekoSar Firmen aus
verschiedenen Branchen grundsätzlich (z.B. Pornographie). Der
best-of-class-Ansatz wird häufig kritisiert, da nicht
nachhaltige Firmen gesucht werden, sondern nur die nachhaltigsten
Firmen einer Branche und dass damit letzlich «green-washing»
betrieben wird. Die Kritiker argumentieren, dass die meisten
Unternehmer sich darauf konzentrieren, ihre Berichterstattung den
Erfordernissen des Sustainability-Research anpassen.4

Die Vertreter des «best-of-class-Ansatz» setzen dagegen, dass
sie Firmen ermutigen, sich in Richtung Nachhaltigkeit zu entwickeln
und damit auch der bestofclass- Ansatz eine Wirkung erziele. Firmen
mit einem guten Nachhaltigkeits-Rating können leichter und damit
auch günstiger Kapital aufnehmen. Alternativ gibt es heute auch
andere Anlagestrategien, die gezielt eine Entwicklung zu einer
nachhaltigeren Wirtschaft vorantreiben möchten. Es gibt
VermögensverwalterInnen, die bewusst auch in als nicht
nachhaltig geltende Branchen investieren (wie etwa Tabak-Aktien), um
so eine optimale Rendite zu erzielen. Als Ausgleich wird ein Teil der
verwalteten Vermögen gezielt in besonders nachhaltige
Unternehmen, auch in Jungunternehmen, investiert. Die Aktivitäten
eines Unternehmens können von verschiedenen Standpunkten aus
sehr unterschiedlich beurteilt werden; andererseits sind Unternehmen
oft in mehr als einem Bereichen aktiv, von denen nicht unbedingt alle
aus Sicht der Nachhaltigkeit einheitlich zu beurteilen sind. Dies
lässt sich am Beispiel von einigen Firmen illustrieren:

1.

Die
Kaffeehaus-Kette Starbucks wird für ihre Produkt- und
Personalpolitik als sehr nachhaltig beurteilt. Kritiker stören
sich aber daran, dass durch die einheitlich gestalteteten
Starbucks-Filialen und durch die Verdrängung individueller Cafés
die kulturelle Vielfalt leide, was einer nachhaltigen Entwicklung
zuwider läuft.

2.

Ein noch kontroverseres Beispiel ist der
Konzern Royal Dutch/Shell. Lange Zeit war Royal Dutch als
nachhaltigster Energiekonzern im Dow Jones Sustainability Index
vertreten. Dies unter anderem, weil Royal Dutch zu den grössten
Anbietern im Bereich von Solarenergie-Anlagen gehört. Für
viele scheint es jedoch klar zu sein, dass ein Erdölförderer
nicht nachhaltig ist, da Erdöl eine nicht erneuerbare Ressource
ist.

3.

Um dieses Probleme in einer noch verschärfteren Form
darzustellen, möchte ich das Thema Rüstung anschneiden:
Viele von uns beurteilen Rüstungsfirmen generell als nicht
nachhaltig. Öffentliche Sicherheit, die unter Waffeneinsatz
aufrechterhalten wird, ist aber für eine nachhaltige
Gesellschaft essentiell (Zweifler mögen sich anhand von Thomas
Hobbes‘ Leviathan überzeugen lassen). Selbst wenn wir uns
entscheiden, Rüstungsgüter zu meiden, lassen sich diese
nicht immer leicht identifizieren. Metallprofile lassen sich zu
Fenstern verarbeiten, können aber auch für den Bau
primitiver Waffen verwendet werden. Viele Güter sind sogenannte
«dual use»-Güter, beispielsweise Gasmasken. Aus dem
Wunsch heraus, das eigene Geld aus anderen als nur gewinnorientierten
Gründen anzulegen, haben sich im Verlauf der Zeit
unterschiedliche Ansätze entwickelt. Die Beispiele aus der
Praxis zeigen, dass alle diese Ansätze vor einer schwer
beantwortbaren Frage stehen: Wie lässt sich objektiv beurteilen,
welche Unternehmen die aufgestellten Kriterien erfüllen und
welche nicht?

1
Siehe auch Artikel «Die
Münze in dem Kasten klingt, die Aktie in den Himmel springt»
von Christoph Weber Berg

2 Siehe
auch Artikel «Sustainability
is not a recycling plan», ein Interview mit Dennis Meadows

3
Siehe auch Artikel «Through
the eyes of a CO2 pioneer», ein
Interview mit Richard Sandor

4
Siehe
auch Artikel «rejoicing
or green-washing» von Joachim Schütz


Frank-Elmar Linxweiler ist
Vorstandsmitglied von oikos-international, hat eine
Unterichtsassistenz für Volkswirtschaftslehre an der Universität
St. Gallen und beschäftigt sich seit einigen Jahren mit dem
Thema Nachhaltigkeit, insbesondere mit nachhaltigen Finanzanlagen.

2017-03-21T21:37:05+00:00March 21st, 2017|