Was tut die ETH für die Klimaforschung?

Autor: Matthias Kestenholz

Interview mit Ale

Autorin: Simone Villiger

DIE AKTUELLE SCHWEIZER KLIMAPOLITIK IST NICHT ZUKUNFTSFÄHIG. DESHALB FORDERT DER WWF GEMEINSAM MIT EINER ALLIANZ AUS 51 ORGANISATIONEN UND EINEM UMFASSENDEN INSTRUMENTENKATALOG DEN BUNDESRAT AUF, DEN AUSSTOSS VON TREIBHAUSGASEN BIS ZUM JAHR 2050 UM 90 PROZENT ZU REDUZIEREN.

Vor dem Hintergrund der rasant wachsenden Bedrohung durch den Klimawandel
und des Stillstands in der nationalen Klimapolitik haben sich vor zwei Jahren 51
Organisationen aus den Bereichen Entwicklungshilfe, Konsumentenschutz, Kirchen,
Fachverbände, Gewerkschaften, Parteien und Umweltschutz zur «Allianz
für eine verantwortungsvolle Klimapolitik» zusammengeschlossen. Gemeinsam
fordern sie, dass die Schweiz die Begrenzung des weltweiten
Temperaturanstieges unter zwei Grad Celsius als Ziel ihrer nationalen und internationalen
Klimapolitik erklärt. Denn wird dieses Ziel verfehlt, ist gemäss Erkenntnissen
des Weltklimarates (IPCC) mit dramatischen Auswirkungen auf Menschheit und
Umwelt zu rechnen wie etwa vermehrte Dürren, Überschwemmungen und das
Auftauen des Permafrostes. Bereits die heutigen Konzentrationen an Treibhausgasen
in der Atmosphäre bergen ein erhebliches Risiko, dass die Obergrenze von
zwei Grad überschritten wird. Deshalb gibt sich die Klimaallianz nicht mit Minimallösungen
zufrieden, sondern setzt sich für eine wirksame Klimapolitik ein.

HALBIERUNG DER WELTWEITEN EMISSIONEN BIS 2050 NÖTIG

Verschiedene Computermodelle zeigen, dass eine Halbierung der weltweiten
Emissionen bis 2050 genügen könnte, um die Erwärmung unter zwei Grad zu
halten. Ein von vielen Experten favorisierter Mehrstufenansatz sieht vor, dass
die Industrieländer und die Länder der ehemaligen Sowjetunion ihre Emissionen
bis 2050 um rund 90 Prozent reduzieren müssen, während Entwicklungsländer
mit niedrigeren Pro-Kopf-Emissionen entsprechend ihrem Entwicklungsstand
zur Stabilisierung des Klimas beitragen müssen. Diesem Ansatz folgend, fordert
die Klimaallianz, dass die Schweiz ihre Treibhausgasemissionen gegenüber dem
Referenzjahr 1990 als Zwischenschritt bis 2020 um 30 Prozent und dann bis
2050 um 90 Prozent reduziert.

SCHWEIZ NICHT AUF ZIELKURS

Die Schweizer Klimapolitik ist jedoch weit davon entfernt, diesen Absenkungspfad zu
beschreiten. Seit 1990 konnten die Treibhausgasemissionen lediglich
stabilisiert werden, obschon das im Jahr 2000 in Kraft getretene CO 2-Gesetz bis
2010 eine Reduktion der Kohlendioxidemissionen um acht Prozent vorschreibt.
Zudem sieht der im August 2007 von Bundesrat Leuenberger vorgestellte Klimabericht
ab 2010 bloss eine Reduktion des CO 2-Ausstosses von 1.5 Prozent
pro Jahr vor. Dieses Reduktionsziel basiert auf einem Szenario, welches in der
Schweiz zu einer Erwärmung von fünf bis sechs Grad führen würde.

INITIATIVE FÜR WIRKSAMEN KLIMASCHUTZ

Eine solche Klimapolitik ist nicht zukunftsfähig. Um eine wirksame Schweizer
Klimapolitik zu forcieren, trägt der WWF die Klima-Initiative mit, welche im
Mai 2007 lanciert wurde. Diese fordert, dass der Bund und die Kantone dafür
sorgen, dass die Menge der landesweiten, vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen
bis 2020 gegenüber dem Stand von 1990 um mindestens 30
Prozent abnimmt. Bei der Umsetzung soll der Schwerpunkt auf Energieeffizienz
und die neuen erneuerbaren Energien gelegt werden. Mit diesem Reduktionsziel
würde die Schweiz mit der EU und Norwegen gleichziehen, denn diese haben
angekündigt, dass sie ihre CO 2-Emissionen bis 2020 um mindestens 30 Prozent
reduzieren wollen, sofern sich auch andere Staaten zu einem solchen Reduktionsziel verpflichten.

EIN INSTRUMENTARIUM FÜRS KLIMA

Dass eine solche Reduktion technisch und ohne Komforteinbussen möglich ist,
haben eine Vielzahl von Studien bereits gezeigt. Keine dieser oftmals universitären
Studien hat aber bisher erläutert, wie diese neuen Technologien und Lebensformen
realisiert werden können. Die Klimaallianz hat deshalb in dem von
ihr erarbeiteten Klima-Masterplan nicht nur Zielvorgaben für die Schweiz
hergeleitet und festgelegt, sondern auch die politischen Instrumente zu deren
Umsetzung benannt. Die ausgewählten Instrumente reduzieren wirkungsvoll
Treibhausgase, sind wirtschaftlich effizient, sozial gerecht sowie politisch machbar.
Als Hauptinstrument wird eine dynamische zielorientierte Lenkungsabgabe auf
möglichst alle Treibhausgase favorisiert. Daneben schlägt der Masterplan für
verschiedene Sektoren Massnahmen vor, die dafür sorgen sollen, dass die
klimafreundlichste Technik produziert und gekauft wird, klimaschädliche Prozesse
verteuert und Anreize gesetzt werden, um «Klimakiller» zu ersetzen. Darunter
fallen Massnahmen wie beispielsweise: eine distanz- und fahrzeugabhängige
Verkehrsabgabe, verbrauchsabhängige Fahrzeugsteuern und höhere
Importsteuern auf «durstige» Fahrzeuge, Auktionen von Start- und Landerechte für
Flugzeuge, ein System mit handelbaren Emissionsrechten für den Flugverkehr,
ein auf mehrere Jahre verteilbaren Steuerabzug für die energetische Sanierung
von Gebäuden, das Ersetzen von Elektroheizungen durch umweltfreundlichere
Technologien und die Begrenzung des Stromverbrauchs von Elektrogeräten im
Standby-Modus auf 0.5 Watt. Einige dieser im Klima-Masterplan angeführten
Massnahmen haben Eingang in die Aktionspläne von Bundesrat Leuenberger
gefunden. Diese greifen jedoch zu kurz, da sie nicht auf das Reduktionsziel von
30 Prozent bis 2020 abgestimmt sind.

GRAUE TREIBHAUSGASE

Die Klimaallianz fordert im Klima-Masterplan zudem, dass die Schweiz auch
die Verantwortung für die sogenannten «grauen» Treibhausgase übernimmt. Das
sind diejenigen Emissionen, die im Ausland bei der Herstellung von Gütern
anfallen, die in die Schweiz importiert werden. Diese Emissionen müssen zusätzlich
durch geeignete Klimaschutzprojekte im Ausland kompensiert werden.

MINUS 60 PROZENT BIS 2025 MÖGLICH

Wird der vorgeschlagene Klima-Masterplan in nationales und kantonales Recht
umgesetzt, können die Treibhausgase bis 2025 um mehr als 60 Prozent reduziert
werden. Eine wirksame Reduktion von Treibhausgasen ist somit kein Ding der
Unmöglichkeit, sondern abhängig vom politischen Willen.


Lizenz:


by-nc-sa

xander Jakob Boris Zehnder, ab 1992 Direktor der EAWAG
und ordentlicher Professor für Umweltbiotechnologie der ETH Zürich. Seit 1. Juli 2004 ist er Präsident des ETH-Rates.

HAT DIE FÜHRUNGSEBENE DER ETH EINE STRATEGIE FÜR
DEN UMGANG MIT DEM KLIMAWANDEL? ALEXANDER ZEHNDER, PRÄSIDENT DES ETH-RATES, NIMMT STELLUNG ZUR
POSITIONIERUNG DER ETH.
Der Klimawandel ist mit seinen Folgen für Mensch und Umwelt eines der grossen
Probleme dieses Jahrhunderts. Hat der ETH-Rat, welcher die strategische Ausrichtung der ETH festlegt, eine den Herausforderungen angemessene Strategie?
Um dies herauszufinden, haben wir Alexander Zehnder interviewt.


STUDIO!SUS:


Alexander Zehnder, hat die ETH eine Strategie, um auf die Herausforderungen des Klimawandels vorbereitet zu sein? Welche Anstrengungen
gibt es im Forschungsbereich?


→ Für die Jahre 2008—2011 haben wir den Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit
gelegt. Der Umgang mit dem Klimawandel ist Teil unserer Nachhaltigkeitsstrategie, welche der ETH-Rat seit 1997 verfolgt. Es gibt mehrere Institutionen,
die sich ganz spezifisch mit dem Klimawandel auseinander setzen. Die Effekte
erforschen beispielsweise die WSL, die Eawag, das Institut für Atmosphäre und
Klima, und so weiter. Andere erforschen die Möglichkeiten zur Verhinderung oder
Reduzierung des Klimawandels, so zum Beispiel das PSI im Bereich der Alternativenergie und der Mobilität. Die ETH Zürich sucht Möglichkeiten, Solarenergie
chemisch zu speichern. Damit diese Art Forschung effizienter und effektiver
wird, haben wir mehrere Kompetenzzentren wie z.B. das Zentrum für Umwelt und
Nachhaltigkeit gegründet. Die verschiedenen Forschungsgruppen sind in diesen
Zentren integriert und können so zusammenarbeiten und Synergien nutzen.


STUDIO!SUS:


Können Sie ein paar Worte zu den Erfolgen sagen, wenn Sie auf
die letzten 10 Jahre Nachhaltigkeitsstrategie zurückblicken?


→ Mit den Erfolgen zu beginnen ist immer am Schönsten! Die Vision einer 2000-
Watt-Gesellschaft hat nicht nur in der Schweiz Fuss gefasst, sondern auch
international, und zwar sowohl in der Politik aus auch in der Industrie. Basel,
Zürich und Genf versuchen bei Neubauten, Neuentwicklungen und der Mobilität
in Richtung 2000-Watt-Gesellschaft zu gehen, was aber nicht von einem Tag auf
den anderen realisiert werden kann.

Weiter ist das neue Gebäude der Eawag in Dübendorf zu nennen. Das
Hauptgebäude, welches dort gebaut wurde, erfüllt alle Vorgaben der 2000-Watt-
Gesellschaft. Dieses Gebäude ist einmalig in der Welt. Zudem hat diese bau-
technische Pioniertat nicht einmal mehr gekostet, als wenn der Bau in konventioneller Weise erstellt worden wäre! Diese Technologie ist heute verfügbar, sie
wartet nur darauf, eingesetzt zu werden. Dass dies nicht nur die öffentliche
Hand machen kann, zeigt beispielsweise der Eulachhof, welcher in Winterthur
gebaut wird.


STUDIO!SUS:


Wie steht es mit den Misserfolgen?


→ In den neunziger Jahren gab es in den Hochschulen und in der Industrie
Leute, welche mit dem Gedankengut der Nachhaltigkeit nicht vertraut waren
oder sich sogar aktiv dagegen gewehrt haben. Mittlerweile wurden diese Leute
aber mehrheitlich abgelöst. Persönlich hätte ich lieber, wenn diese Vision in der
Lehre stärker verankert wäre, und zwar nicht nur bei den Umweltnaturwissenschaften und den Umweltingenieuren.


STUDIO!SUS:


Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Als ETH-Ratspräsident sind Sie sicher häufig unterwegs. Kompensieren Sie den CO 2 -Ausstoss
ihrer Flugreisen mit MyClimate?


→ Ich kompensiere nicht alle Flugreisen. Laut dem ECO 2-Rechner (www.ecos-
peed.ch) brauche ich aber schon heute nur 3500 Watt und liege damit unter dem
Schweizer Durchschnitt von 6000 Watt. In diesem Sinne kann ich sagen, dass
ich etwas in diese Richtung tue!


Lizenz:


by-nc-nd

2017-03-21T19:05:53+00:00 March 21st, 2017|