LYNN BLATTMANN FRAGT: WIE SÄHE UNSERE WIRTSCHAFT AUS, WENN FRAUEN
STÄRKER IM GESCHÄFT WÄREN? SIE ZEIGT AUF,
WIE WENIG WIR ÜBER DIE GESCHLECHTERVERTEILUNG IN DER WIRTSCHAFT
WISSEN UND WAS WIR BRÄUCHTEN, DAMIT FRAUEN
STÄRKER INS GESCHÄFT KOMMEN.

Der
Hype und Fall der New Economy um die Jahrtausendwende, kurzfristiges
Profitdenken und unökologisches Gebaren globalisierter
Firmenkomplexe: dies sind Beispiele für die mangelnde
Nachhaltigkeit unserer Wirtschaft, die fast ausschliesslich von
Männern zu verantworten sind. Wie sähe aber eine Wirtschaft
aus, die stärker von Frauen geprägt ist? Was würde
sich verändern, wenn es in der Schweiz mehr Frauenfirmen gäbe
und Start-ups von Frauen ebenso konsequent auch finanziell ge –
fördert würden, wie solche von Männern? Würden
damit auch traditionell weibliche Werte wie Fürsorglichkeit oder
emotionale Kompetenz die Oberhand gewinnen und würden diese
Werte dazu beitragen, dass sich die Schweizer Wirtschaft nachhaltiger
entwickelt?

Wer solche Fragen beantworten möchte, stösst schon bei der
Datenbeschaffung auf Hindernisse. Die Schweizer Wirtschaftsstatistik
ist zu Genderfragen wenig aussagekräftig und die Forschung zu
Firmengründungen ist hierzulande immer noch geschlechterblind.
Es gibt kaum Zahlen darüber, wie viel Fremdkapital in Frauenoder
Männerfirmen investiert wird. Firmen werden als
geschlechtsneutral angesehen und die Wirtschaftsförderung ist
kaum auf die Bedürfnisse von Unternehmerinnen ausgerichtet. In
der Schweiz wird von den Handelsregistern nicht erhoben, wie viele
eingetragene Firmen mindestens zu 50% in Frauenhand sind. Deswegen
existieren nur hochgerechnete Zahlen zum Frauenanteil an
Geschäftsführerinnen und Eigentü – merinnen der Firmen
im Handelsregister. Der Frauenanteil der Selbständigen liegt in
der Schweiz mit ca. 34% vergleichbar hoch; im Handelsregister neu
eingetragene Frauenfirmen liegen momentan bei schätzungsweise
20%.

Wir wissen aus dem Länderbericht Deutschland des Global
Entrepreneurship Monitor 2004, dass es in den meisten hoch
entwickelten Industrieländern langfristig einen stärkeren
Zuwachs bei den Gründerinnen gibt (Gründerinnenboom).
Frauen gründen eher kleinere Unternehmen und haben geringere und
langsamere Wachstumsabsichten. Selbständige Frauen arbeiten
überproportional häufig Teilzeit, haben häufiger
Elternpflichten als Angestellte und gründen Firmen in höherem
Alter als Männer. Wirtschaften Frauen aber deswegen
nachhaltiger?

Eine Antwort auf diese Frage fällt vor dem Hintergrund des aktuellen
Wissensstandes schwer, allerdings deuten ausländische
Untersuchungen darauf hin, dass Unternehmerinnen mit ihren Firmen
häufiger andere Ziele verfolgen, als der wirtschaftliche
Mainstream vorgibt. So nennen Frauen wie Männer zwar die
Selbstverwirklichung als wichtiges Gründungsmotiv, Frauen
glauben jedoch eher in ihrer eigenen Firma die gute Ausbildung besser
mit Teilzeitarbeit verbinden zu können, als im
Angestelltenverhältnis. Unternehmerinnen sind eher bereit, neue
Arbeitszeitmodelle in ihren Firmen einzuführen. Frauenfirmen
siedeln sich auch in anderen Wirtschaftsbereichen an: In Deutschland
beispielsweise sind 52 % aller Frauenfirmen im Bereich der
haushaltsorientierten Dienstleistungen anzutreffen (27% der
Männerfirmen) und 15% aller selbständigen Frauen haben
Firmen im Gesundheits- und Sozialwesen. Eine gute Mehrheit der
Frauenfirmen ist in ökologisch unbedenklichen Branchen
angesiedelt. (Beispielsweise Bildungswesen oder haushaltsorientierte
Dienstleistungen)

Noch sind die Frauenfirmen ökonomisch zu schwach, um das
Wirtschaftsgeschehen massgeblich beeinflussen zu können. Es ist
anzunehmen, dass sie auch in der Schweiz tatsächlich
nachhaltiger wirtschaften als Männerfirmen, da Frauenfirmen
langsamer wachsen und auch weniger unternehmerische Risiken eingehen.
Ausserdem belegen ausländische Untersuchungen, dass Frauenfirmen
weniger häufig Konkurs anmelden müssen als Männerfirmen.
Frauenunternehmen bewegen sich aber noch stark in Nischen, während
die grossen Firmen und die Schlüsselstellungen für
Entscheidungen weiterhin fast unverändert in Männerhand
sind. Dieser Gender Gap wird durch die Finanzierungspolitik für
Start-ups verstärkt, denn es gibt keinerlei Benchmarking über
die Fortschritte und die Entwicklung von Frauenstartups.

Während der Frauenanteil bei den UnternehmerInnen noch tief liegt, ist es der
Schweiz gelungen, Frauen nachhaltig in den Arbeitsmarkt einzubinden.
In den wirtschaftlich schwierigen Zeiten der 1930er Jahre und noch in
den 1970er Jahren wurden Frauen als flexible Manövriermasse des
Arbeitsmarktes eingesetzt und in Krisenzeiten oft ohne jeden
Versicherungsschutz entlassen; heute halten sich Frauen praktisch
gleich gut im Arbeitsmarkt wie Männer. Frauen bringen heute fast
gleich gute Ausbildungen mit wie Männer. Durch ihre grosse
Flexibilität und ihr Interesse an Teilzeitarbeit haben sich
Frauen sogar einen kleinen Marktvorteil auf dem Arbeitsmarkt
erarbeiten können. Ideologisch diskriminierende Vorstellungen,
wie die des schützenswerten Ernährerlohns und damit
verbunden die Frauenrolle als die der Doppelverdienerin, bestimmen
die Realität auf dem Arbeitsmarkt kaum mehr. Indem der
Arbeitsmarkt auch in der Schweiz die Frauen stärker integriert,
werden die Bedürfnisse der weiblichen Angestellten besser
berücksichtigt.

Wie rasch aber wird die Integration der Frauen in den Top Kaderstellen
vorankommen? In den letzten zwanzig Jahren ist der Prozentsatz an
Frauen im obersten Management in der Schweiz von 3.9% auf 9.5%
angestiegen. Wenn die Integration von Frauen im gleichen Tempo
weitergeht, wird es noch rund 140 Jahre dauern, bis gleichviel Frauen
wie Männer an den Schlüsselstellen der Macht sitzen.
Gerechtigkeit ist ein wichtiger Schlüsselfaktor für
Nachhaltigkeit und somit gehört auch die Einfluss- und
Machtverteilung zwischen den Geschlechtern in eine
Nachhaltigkeitsdiskussion der Wirtschaft. Dazu genügt es nicht,
zu erklären, Gründerinnen hätten die gleichen Chancen
an Kapital für ein Start-up zu kommen wie Gründer, es
braucht eine nachhaltigere, auch frauengerechtere Ausrichtung der
Finanzierungsinstrumente. Mehr Information über die Struktur,
die Motivation und die Ziele von Frauenfirmen könnte hierzulande
erstaunliche Ergebnisse hervorbringen und der Wirtschaft positive
Impulse bringen. Letztlich braucht es ein Commitment für eine
tatsächliche Gleichstellung der Geschlechter auch auf den
obersten Etagen und zwar nicht erst in 140 Jahren.


Lynn Blattmann ist promovierte
Historikerin und Inhaberin eines Politikberatungsbüros. Sie
beschäftigt sich besonders mit Gleichstellungsfragen und Female
Entrepreneurship, sowie mit Sozialpolitik.